In der Ursprungsstudie zur Ladephase stieg der Kreatin-Gehalt im Muskel mit drei Gramm täglich über 28 Tage ähnlich stark wie nach sechs Tagen Laden – das Laden war vor allem schneller. Der Haarausfall-Verdacht stammt aus einer Hormonmessung, in der keine Haare untersucht wurden; die erste Studie, die Haare direkt gemessen hat, fand keinen Unterschied zu Placebo. Und die Wirkung ist real, aber direkt gemessenes Muskelwachstum steigt nur sehr wenig.
Kreatin ist das Supplement, das fast jeder Trainierende irgendwann in der Hand hat – und zu dem fast jeder dieselben drei Fragen stellt: Muss ich laden? Gehen mir davon die Haare aus? Und ist das zusätzliche Kilo auf der Waage nur Wasser? In Foren und unter Produktseiten laufen die Antworten weit auseinander.
Was Kreatin im Training messbar bringt
Die Grundwirkung ist gut repliziert. Wang und Kollegen haben 2026 im Journal of the International Society of Sports Nutrition 63 Studien mit 1.489 Teilnehmern zusammengefasst, jeweils Krafttraining mit Kreatin gegen Krafttraining ohne. Das Ergebnis:
- Kraft Oberkörper: Effektstärke g = 0,54 (p < 0,001)
- Kraft Unterkörper: g = 0,55 (p < 0,001)
- Fettfreie Masse: g = 0,30 (p < 0,001)
- Fettmasse: kein signifikanter Unterschied (p = 0,14)
Eine Effektstärke macht Studien mit unterschiedlichen Messmethoden vergleichbar. Die Autoren weisen selbst darauf hin, dass Ernährung und Trainingshintergrund in den Studien uneinheitlich und lückenhaft berichtet waren.
In Kilogramm übersetzt: Ashtary-Larky und Kollegen kamen 2025 im selben Journal über 61 Studien auf 1,39 Kilogramm mehr fettfreie Masse (95-%-Konfidenzintervall 1,07 bis 1,70). Trainierte legten im Schnitt 1,82 Kilogramm zu, Untrainierte 1,23 – dieser Unterschied war nicht signifikant. Daraus folgt nicht, dass Fortgeschrittene mehr profitieren. Es folgt nur, dass beide Gruppen profitieren.
Fettfreie Masse ist nicht gleich Muskel
Hier liegt das Detail, das in den meisten Zusammenfassungen fehlt. Fettfreie Masse ist alles, was nicht Fett ist – Muskeln, Knochen, Organe und das Wasser darin. Die Kilogramm oben stammen aus Verfahren wie DXA oder Bioimpedanz, die diese Anteile nicht voneinander trennen.
Burke und Kollegen haben 2023 in Nutrients deshalb nur Studien ausgewertet, die das Muskelwachstum direkt gemessen haben – mit MRT, CT oder Ultraschall, mindestens sechs Wochen lang. Zehn Studien mit 44 Messwerten erfüllten die Kriterien. Der gepoolte Effekt lag bei 0,11, das 95-%-Glaubwürdigkeitsintervall reicht von −0,02 bis 0,25. Die Autoren werten das als sehr kleinen Vorteil für Kreatin; getrennte Analysen der Muskeldicke von Ober- und Unterkörper ergaben 0,10 bis 0,16 Zentimeter. Das Intervall schließt null allerdings ein.
Die Kilogramm auf der Waage lassen sich deshalb nicht als Kilogramm Muskel lesen. Direkt gemessen ist der Zusatzeffekt sehr klein – und das ist die aussagekräftigere Zahl, wenn es um Muskelaufbau geht. Wie langsam echter Aufbau ohnehin verläuft, steht im Artikel Wie schnell kann man wirklich Muskeln aufbauen?
Ladephase: schneller, nicht nachweislich höher
Die Ladephase geht auf Hultman und Kollegen zurück (1996, Journal of Applied Physiology). Sie gaben 31 Männern Kreatin in verschiedenen Mengen und maßen den Gehalt im Muskel per Biopsie.
- 20 Gramm täglich über sechs Tage erhöhten das Gesamtkreatin im Muskel um rund 20 Prozent.
- 2 Gramm täglich hielten diesen Spiegel weitere 30 Tage.
- 3 Gramm täglich ohne Ladephase führten zu einem ähnlichen Anstieg um rund 20 Prozent – langsamer, über 28 Tage.
- Nach dem Absetzen sank der Spiegel schrittweise und lag 30 Tage später wieder auf dem Ausgangswert.
Die Autoren folgern selbst, dass drei Gramm täglich langfristig wahrscheinlich genauso wirksam sind wie das Laden – „wahrscheinlich“, denn verglichen wurden kleine Teilgruppen einer einzigen Studie. Belegt ist damit vor allem der Zeitvorteil. Relevant wird er, wenn der erhöhte Spiegel schneller da sein muss als nach den 28 Tagen ohne Laden, etwa vor einem Wettkampf.
Wasser: mehr, aber gleich verteilt
Dass Kreatin Wasser bindet, stimmt. Die verbreitete Sorge ist eine andere: dass man „aufgeschwemmt“ aussieht, weil sich Wasser außerhalb der Zellen einlagert.
Powers und Kollegen haben das 2003 im Journal of Athletic Training an 32 krafttrainierenden Männern und Frauen untersucht – mit einer Ladephase von 25 Gramm über sieben Tage und danach 5 Gramm über 21 Tage, gegen Placebo. Gemessen wurde das Körperwasser mit Verdünnungsverfahren, getrennt nach Wasser innerhalb und außerhalb der Zellen. Kreatin erhöhte den Kreatingehalt im Muskel, das Körpergewicht und das Gesamtkörperwasser. Die Verteilung zwischen innen und außen änderte sich nicht. Auch die Placebogruppe legte beim Körperwasser leicht, aber signifikant zu.
Das Wasser verteilt sich also so wie vorher, es sammelt sich nicht bevorzugt außerhalb der Zellen. Wo im Körper dieses Wasser sichtbar wird, hat die Studie nicht gemessen. Sie ist klein und liegt über 20 Jahre zurück.
Haarausfall: eine Hormonmessung ohne Haarbefund
Der Verdacht läuft über das Hormon DHT. Die Messung, auf die er sich stützt, stammt von van der Merwe und Kollegen. Sie gaben 2009 im Clinical Journal of Sport Medicine 20 College-Rugbyspielern im Crossover-Design sieben Tage lang 25 Gramm Kreatin, danach 14 Tage 5 Gramm. Das Testosteron blieb unverändert. Das Dihydrotestosteron (DHT) – das Hormon, das bei erblich bedingtem Haarausfall die Hauptrolle spielt – stieg nach der Ladephase um 56 Prozent und lag nach der Erhaltungsphase noch 40 Prozent über dem Ausgangswert. Das Verhältnis von DHT zu Testosteron stieg um 36 und 22 Prozent.
Haare wurden in dieser Studie nicht untersucht. Aus einem Hormonwert bei 20 Personen über drei Wochen wurde im Netz ein Nebenwirkungsprofil.
Lak und Kollegen haben die Frage 2025 im Journal of the International Society of Sports Nutrition erstmals direkt geprüft. 45 krafttrainierte Männer zwischen 18 und 40 Jahren bekamen zwölf Wochen lang 5 Gramm Kreatin oder Placebo; 38 beendeten die Studie. Gemessen wurden Testosteron, freies Testosteron, DHT und – per Trichogramm und Kamerasystem – Haardichte, Zahl der Follikeleinheiten und Haardicke. Bei keinem dieser Werte unterschieden sich die Gruppen im Verlauf. Auch der DHT-Anstieg der Rugby-Studie tauchte nicht auf.
Zwei Einschränkungen gehören dazu. Diese Studie arbeitete ohne Ladephase, prüft also nicht exakt das Protokoll von 2009. Und mehrere Autoren beraten Hersteller von Kreatin, was sie in ihrer Erklärung zu Interessenkonflikten offenlegen. Der Stand ist damit: Ein Beleg für Haarausfall existiert nicht, eine direkte Prüfung fand keinen – aber die Datenbasis besteht aus zwei Studien.
Was die Daten nicht hergeben
- Nieren und Langzeitsicherheit. Beides behandelt dieser Artikel nicht. Wer eine Nierenerkrankung hat oder regelmäßig Blutwerte kontrollieren lässt, bespricht Kreatin mit dem Arzt.
- Frauen. Delpino und Kollegen fanden 2022 in Nutrition bei Männern 1,46 Kilogramm mehr fettfreie Masse, bei Frauen 0,29 Kilogramm – nicht signifikant. Eine Meta-Analyse nur an Frauen (Lin und Kollegen, 2026, Frontiers in Nutrition) findet kleine positive Effekte, bewertet die Vertrauenswürdigkeit der Evidenz aber als niedrig bis sehr niedrig. Ob Frauen weniger profitieren oder schlicht weniger untersucht sind, geben die Daten nicht her.
- Echte Muskelmasse. Die direkten Messungen zeigen einen sehr kleinen Effekt mit einem Intervall, das null einschließt. Wie viel der Kilogramm aus den großen Meta-Analysen Muskelgewebe ist, lässt sich nicht beziffern.
- Haarausfall bei Veranlagung. Die Studie von 2025 lief zwölf Wochen an jungen Männern. Ob Kreatin bei Männern mit ausgeprägter erblicher Veranlagung über Jahre etwas beschleunigt, ist nicht untersucht – weder in die eine noch in die andere Richtung.
- Interessenkonflikte. Bei mehreren der Quellen beraten Autoren Kreatin-Hersteller. Für die Meta-Analyse von Wang (2026) ist kein Interessenkonflikt angegeben – sie bestätigt das Grundbild aus mehr Kraft und mehr fettfreier Masse.
Was ich mit Klienten tatsächlich mache
Die folgenden Punkte sind meine Praxis, aufgebaut auf dem, was oben steht. Wo sie über die Studien hinausgehen, sage ich es dazu.
- Kreatin-Monohydrat, täglich, ohne Ladephase. Ich setze 5 Gramm an – die Menge aus der Haarstudie von 2025. Drei Gramm hätten nach Hultman langfristig wahrscheinlich einen ähnlichen Spiegel erreicht; die 5 Gramm sind meine Wahl, keine Studienvorgabe. Geladen wird nur, wenn ein Termin in den nächsten Wochen es rechtfertigt.
- Kreatin kommt dorthin, wo es nicht vergessen wird. Es geht um einen Spiegel im Muskel, der sich über Wochen aufbaut und über Wochen wieder abfällt. Bei den meisten ist das das Frühstück. Zum besten Einnahmezeitpunkt habe ich für diesen Text keine Studie geprüft – das ist Pragmatismus, kein Befund.
- Die Waage wird in den ersten Wochen anders gelesen. Startet ein Klient mit Kreatin während einer Diät, kündige ich den Anstieg vorher an und passe die Kalorien deswegen nicht an. Maßgeblich bleiben Umfänge und Kraftwerte. Das ist Erfahrung aus der Betreuung, kein Studienprotokoll.
- Kreatin kommt zuletzt. Es verstärkt ein funktionierendes System, es ersetzt keines. Solange Kalorien und Proteinmenge nicht stimmen, ist es die kleinste Stellschraube auf dem Tisch.
Die praktische Kurzfassung
- Die Ladephase war in der Ursprungsstudie vor allem schneller: 3 Gramm täglich erreichten nach 28 Tagen einen ähnlichen Anstieg um rund 20 Prozent
- Kraft und fettfreie Masse steigen mit Kreatin stärker als mit Training allein (g = 0,54 bis 0,55 und 0,30)
- Direkt gemessenes Muskelwachstum steigt nur sehr wenig (0,11; Intervall schließt null ein)
- Haarausfall: Der Verdacht beruht auf einer DHT-Messung ohne Haarbefund; die direkte Prüfung 2025 fand keinen Unterschied
Quellen
- Wang H, Wang H, Xin X, Yi Z (2026). Resistance training combined with creatine supplementation: a three-level meta-analysis of multidimensional outcomes from strength enhancement to body composition remodeling. Journal of the International Society of Sports Nutrition. PubMed
- Ashtary-Larky D, Mohammadi S, Hajizadeh L, et al. (2025). Creatine supplementation and resistance training: a comparison between novice and experienced lifters – a systematic review and dose-response meta-analysis. Journal of the International Society of Sports Nutrition. PubMed
- Burke R, Piñero A, Coleman M, et al. (2023). The Effects of Creatine Supplementation Combined with Resistance Training on Regional Measures of Muscle Hypertrophy: A Systematic Review with Meta-Analysis. Nutrients. PubMed
- Hultman E, Söderlund K, Timmons JA, et al. (1996). Muscle creatine loading in men. Journal of Applied Physiology. PubMed
- Powers ME, Arnold BL, Weltman AL, et al. (2003). Creatine Supplementation Increases Total Body Water Without Altering Fluid Distribution. Journal of Athletic Training. PubMed
- van der Merwe J, Brooks NE, Myburgh KH (2009). Three weeks of creatine monohydrate supplementation affects dihydrotestosterone to testosterone ratio in college-aged rugby players. Clinical Journal of Sport Medicine. PubMed
- Lak M, Forbes SC, Ashtary-Larky D, et al. (2025). Does creatine cause hair loss? A 12-week randomized controlled trial. Journal of the International Society of Sports Nutrition. PubMed
- Delpino FM, Figueiredo LM, Forbes SC, et al. (2022). Influence of age, sex, and type of exercise on the efficacy of creatine supplementation on lean body mass: A systematic review and meta-analysis of randomized clinical trials. Nutrition. PubMed
- Lin Y, Zhu W, Hong B (2026). Effects of creatine supplementation on exercise performance, physiological outcomes, and body composition in females engaged in exercise or training: a systematic review and multilevel meta-analysis. Frontiers in Nutrition. PubMed
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