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Muskelaufbau · 9 min Lesezeit

Wie schnell kann man
wirklich Muskeln aufbauen?

Thomas Arndt17. August 2026

In der Größenordnung von ein paar hundert Gramm pro Monat, nicht in Kilogramm – und je länger du trainierst, desto weniger. Die Spanne zwischen zwei Menschen im selben Programm ist dabei größer als der Unterschied zwischen einem guten und einem mittelmäßigen Plan: In der größten Untersuchung dazu reichten die Zuwächse nach zwölf Wochen von minus 2 bis plus 59 Prozent. Und die bekannten Tabellen, die dir Kilogramm pro Trainingsjahr zuordnen, stammen nicht aus Studien.

„Ich trainiere jetzt seit drei Jahren und sehe im T-Shirt immer noch aus wie vorher." Diesen Satz höre ich regelmäßig, und fast immer steckt dahinter kein Trainingsproblem, sondern ein Maßstabsproblem. Jemand vergleicht seinen realen Zuwachs mit einer Zahl, die nie aus einer Messung stammte.

Also: Was ist tatsächlich belegt, was ist gut geratene Erfahrung, und was ist schlicht falsch?

Die Tabellen, die überall zitiert werden – und woher sie stammen

Du kennst das Schema. Erstes Trainingsjahr: 8 bis 12 Kilogramm. Zweites Jahr: die Hälfte. Drittes Jahr: noch einmal die Hälfte. Danach wird es zäh. Oder die Variante in Prozent des Körpergewichts pro Monat, gestaffelt nach Anfänger, Fortgeschrittener, Weit-Fortgeschrittener.

Diese Modelle gehen auf erfahrene Coaches zurück – am häufigsten werden Lyle McDonald und Alan Aragon genannt. Sie sind aus jahrelanger Arbeit mit vielen Trainierenden entstanden, und als grobe Orientierung sind sie brauchbar. Ich benutze sie selbst als Rahmen.

Was sie nicht sind: Studienergebnisse. Es gibt keine kontrollierte Untersuchung, die Menschen über fünf Jahre begleitet und den Zuwachs nach Trainingsjahr aufschlüsselt. Die Autoren dieser Modelle haben das auch nie behauptet – aus der Zitierkette im Internet wurde trotzdem „Studien zeigen". Wer sich dann an einer solchen Zahl misst und sie verfehlt, misst sich an einer Schätzung, die er für eine Messung hält.

Was in den Studien tatsächlich an Masse dazukommt

Die belastbaren Zahlen sind unspektakulärer, als die meisten erwarten. Ein gutes Gefühl für die Größenordnung gibt die Protein-Meta-Analyse von Morton und Kollegen, 2018 im British Journal of Sports Medicine: 49 Studien, 1863 Teilnehmer.

Der gesamte Effekt einer Proteinergänzung auf die fettfreie Masse betrug dort 0,30 Kilogramm (95-%-Konfidenzintervall: 0,09 bis 0,52). Das ist nicht der Zuwachs durch Training – das ist der Zusatzeffekt des Supplements obendrauf, über die gesamte Interventionsdauer.

Bei Ahtiainen und Kollegen, 2016 in Age, wurden 287 untrainierte Männer und Frauen zwischen 19 und 78 Jahren zusammengefasst. Die Muskelgröße stieg im Mittel um 4,8 Prozent (Standardabweichung 6,1), die Kraft um 21,1 Prozent.

Rund fünf Prozent Muskelgröße bei völlig Untrainierten. Wer das auf einen Oberschenkel umrechnet, landet bei Millimetern – nicht bei dem, was man sich unter „ein Jahr hart trainiert" vorstellt. Und das ist die Phase, in der es am schnellsten geht.

Interessant ist der zweite Befund bei Morton: Der Effekt war bei Trainierten größer als bei Untrainierten (+0,75 kg, p = 0,03) und nahm mit steigendem Alter ab. Wer schon trainiert, holt aus den Details also mehr heraus – nur ist der Kuchen insgesamt kleiner geworden.

Die Spanne zwischen zwei Menschen ist größer als jeder Mittelwert

Der wichtigste Befund zu diesem Thema ist kein Durchschnitt, sondern eine Streuung. Hubal und Kollegen haben 2005 in Medicine & Science in Sports & Exercise 585 Menschen (342 Frauen, 243 Männer) zwölf Wochen lang denselben Trainingsplan für den Armbeuger absolvieren lassen – einarmig, sodass der andere Arm als Kontrolle diente, und mit MRT gemessen statt geschätzt.

Die Veränderung des Bizeps-Querschnitts reichte von minus 2 bis plus 59 Prozent. Beim Maximalkraftzuwachs von 0 bis plus 250 Prozent.

Gleiches Programm. Gleiche Betreuung. Gleiche Dauer. Bei Ahtiainen fielen entsprechend 29 Prozent der Teilnehmer in die Kategorie der schwachen Reaktion auf den Muskelzuwachs.

Das ist kein Grund zu resignieren, aber ein Grund, das Vergleichen sein zu lassen. Wenn dein Trainingspartner bei identischem Plan das Dreifache zulegt, sagt das über deinen Plan nichts aus.

Für Frauen gilt dieselbe Rate

Roberts, Nuckols und Krieger haben 2020 im Journal of Strength and Conditioning Research Studien zusammengefasst, in denen Männer und Frauen nach demselben Protokoll trainierten. Beim Muskelzuwachs fand sich kein Unterschied (Effektstärke 0,07 ± 0,06; p = 0,31). Bei der Oberkörperkraft lag der Effekt sogar zugunsten der Frauen (Effektstärke −0,60). Bei Ahtiainen hatten Alter und Geschlecht ebenfalls keinen Einfluss auf die Reaktion.

Relativ gesehen baut eine Frau also genauso schnell auf. Die absoluten Kilogramm fallen kleiner aus, weil die Ausgangsmasse kleiner ist – das ist Arithmetik, kein biologischer Nachteil. Bei Hubal lag der Vorsprung der Männer beim Querschnittszuwachs bei 2,5 Prozentpunkten.

Es gibt eine Obergrenze, und sie liegt tiefer als gedacht

Kouri und Kollegen bestimmten 1995 im Clinical Journal of Sport Medicine den Fettfreie-Masse-Index (FFMI) bei 157 Athleten – 83 Steroidnutzer, 74 Nichtnutzer. Bei den Nichtnutzern endeten die Werte an einer klaren Grenze von 25,0. Zwanzig Mr.-America-Sieger aus der Zeit vor den Steroiden (1939 bis 1959) lagen im Mittel bei 25,4. Viele Steroidnutzer überschritten 25 deutlich, einzelne lagen über 30.

Was das konkret heißt: Ein Mann mit 1,80 Meter und 12 Prozent Körperfett erreicht einen FFMI von 25 bei etwa 92 Kilogramm Körpergewicht. Das ist ein sehr muskulöser Mensch – und laut diesen Daten das obere Ende dessen, was ohne pharmakologische Hilfe dokumentiert wurde.

Die Autoren nennen ihre Ergebnisse ausdrücklich vorläufig, und der FFMI hängt an einer Körperfettschätzung, die selbst ungenau ist. Als Hausnummer ist die Zahl trotzdem nützlich: Sie ordnet ein, warum die Referenzbilder im Feed für die meisten unerreichbar sind.

Warum ein größerer Überschuss nichts beschleunigt

Der naheliegende Gedanke, wenn es zu langsam geht: mehr essen. Garthe und Kollegen haben das 2013 im European Journal of Sport Science an 39 Elite-Athleten geprüft, die zusätzlich vier Krafteinheiten pro Woche absolvierten. Eine Gruppe bekam einen Ernährungsplan mit klarem Überschuss, die andere aß nach Gefühl.

Über 600 Kilokalorien mehr am Tag, acht bis zwölf Wochen lang – und der gesamte Zusatzertrag landete im Fettgewebe. Das ist die sauberste Absage an den Massephase-Gedanken, die ich kenne: Der Aufbau läuft mit der Geschwindigkeit, die er hat. Mehr Essen erhöht nicht das Tempo, sondern nur den Preis.

Was die Daten nicht hergeben

Was ich mit Klienten tatsächlich mache

Aus all dem folgt für die Praxis vor allem eins: Der Zeitraum, in dem man urteilt, muss zur Größe des Effekts passen.

Und wenn seit einem Jahr wirklich nichts passiert, liegt es selten am Tempo, sondern an einer fehlenden Progression. Wie viel Volumen dafür nötig ist und wie man es überhaupt richtig zählt, steht hier: Wie viele Sätze pro Muskelgruppe pro Woche? Und die Proteinzahl, ab der nichts mehr dazukommt, hier: Wie viel Protein brauchst du wirklich?

Kurz zusammengefasst

Quellen

Wenn du das Tempo einordnen kannst, fällt auch das Ausbleiben von Muskelkater leichter einzuordnen – das eine ist so wenig ein Fortschrittsmaß wie das andere: Muskelkater ist kein Maß für Muskelaufbau.

Seit Jahren im Studio und der Spiegel sagt nichts Neues?

Dann ist die Frage nicht, wie schnell es geht, sondern ob überhaupt etwas progrediert. Lass uns draufschauen.

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