Am robustesten belegt ist, was nicht funktioniert: Wiederholungen, die nur den verkürzten Teil einer Bewegung nutzen, bauen nachweislich weniger Muskulatur auf als volle oder im gedehnten Bereich ausgeführte Wiederholungen. Ob gedehnte Partial Reps der vollen Bewegung dagegen überlegen sind, ist weniger eindeutig: Eine Einzelstudie zeigt dort einen Vorteil, mehrere neuere Meta-Analysen und eine große vorregistrierte Studie finden im Schnitt keinen bedeutsamen Unterschied.
Es gibt eine Regel, die in keinem Trainingsplan fehlt und die niemand hinterfragt: volle Range of Motion, immer. Wer beim Bankdrücken die Stange nicht bis zur Brust führt oder bei der Kniebeuge nicht unter Parallel geht, bekommt in jedem Kommentarbereich sofort gesagt, was er falsch macht.
Die Regel ist nicht falsch. Aber sie beantwortet die falsche Frage. Die Forschung der letzten Jahre hat sich nicht mehr gefragt, ob voller Bewegungsradius besser ist als halber – sondern in welchem Teil der Bewegung überhaupt trainiert wird. Und das Ergebnis lässt sich konkreter fassen, als die meisten Trainingspläne es abbilden.
Der Denkfehler in der Frage „voll oder halb"
„Volle Range of Motion" bündelt zwei völlig unterschiedliche Dinge zu einer Regel. Bei jeder Bewegung gibt es einen Bereich, in dem der Muskel gedehnt ist (bei der Kniebeuge: unten, bei der Bank: Stange an der Brust), und einen Bereich, in dem er verkürzt ist (oben, gestreckte Arme). Wer den Bewegungsradius kürzt, kann das an beiden Enden tun – und das ist trainingsbiologisch nicht dasselbe.
Ein Curl, der nur die obere, verkürzte Hälfte nutzt, ist etwas anderes als ein Curl, der nur die untere, gedehnte Hälfte nutzt. Solange „Partial Reps" als eine einzige Kategorie behandelt werden, verschwindet genau der Unterschied, der laut aktueller Studienlage zählt.
Die Übersichtsarbeit, die das Thema sortiert hat
Kassiano und Kollegen haben 2023 im Journal of Strength and Conditioning Research elf Studien zu Bewegungsradius und Hypertrophie systematisch ausgewertet. Ihr zentrales Ergebnis: Volle Range of Motion und partielle Wiederholungen im gedehnten Bereich erzeugten an mehreren Muskeln ein deutlich größeres Wachstum als partielle Wiederholungen im verkürzten Bereich – bei Musculus rectus femoris und vastus lateralis (distale Messstellen) ebenso wie bei Bizeps und Brachialis, mit Effektstärken zwischen 0,20 und 0,90 im Gruppenvergleich.
Bemerkenswerter ist ein zweiter Befund: Am proximalen Rectus femoris fiel das Wachstum durch partielle Wiederholungen im gedehnten Bereich sogar größer aus als durch die volle Bewegung (Effektstärke 0,35–0,38). Nicht überall und nicht dramatisch – aber ein Hinweis, dass „mehr Bewegungsradius ist immer besser" als Regel zu grob ist.
Die Wade als Praxisbeispiel
Wie konkret sich das auswirkt, zeigt eine zweite Studie derselben Gruppe aus demselben Jahr: 42 junge Frauen trainierten acht Wochen lang, drei Mal pro Woche, Wadenheben an der Beinpresse – in drei Gruppen mit voller Range of Motion, partieller Bewegung im gedehnten Bereich (unten) oder partieller Bewegung im verkürzten Bereich (oben).
Ergebnis: Die mediale Wadenmuskulatur wuchs in der Gruppe mit gedehnter Partial-ROM deutlich stärker als sowohl in der Gruppe mit voller ROM (+15,2 % vs. +6,7 %) als auch in der Gruppe mit verkürzter Partial-ROM (+3,4 %) – beide Unterschiede statistisch signifikant (p ≤ 0,009). Bei der lateralen Wade war die gedehnte Partial-ROM der verkürzten Variante ebenfalls signifikant überlegen (+14,9 % vs. +6,2 %; p < 0,024), unterschied sich von der vollen ROM (+7,3 %) aber nicht signifikant (p = 0,060 – ein Trend).
Trainierte Kraftsportler, direkt verglichen
Die bisher genannten Studien liefen an eher unerfahrenen Trainierenden. Wolf und Kollegen haben 2025 in PeerJ deshalb 25 Personen mit im Schnitt fast fünf Jahren Trainingserfahrung acht Wochen lang untersucht – im Within-Subject-Design, das heißt jede Person trainierte eine Körperseite mit voller Range of Motion und die andere mit „Lengthened Partials" (rund die halbe Bewegung im gedehnten Bereich, mit kurzer Pause).
Trainiert wurde ein komplettes Oberkörperprogramm: Bankdrücken, Rudern, Trizeps- und Bizepsübungen. Gemessen wurden Muskeldicke von Bizeps und Trizeps per Ultraschall sowie die Kraft-Ausdauer.
Das Ergebnis ist ein klarer Nullbefund: kein signifikanter Unterschied zwischen beiden Bedingungen, weder bei der Muskeldicke noch bei der Kraft-Ausdauer. Für den Bizeps etwa lag die Differenz bei −0,08 mm (95-%-Kredibilitätsintervall: −1,1 bis 0,90; p = 0,438). Die Bayes-Faktoren von 0,16 bis 0,39 sprechen für moderate Evidenz zugunsten der Nullhypothese – es gibt hier keinen Unterschied, nicht nur keinen nachgewiesenen.
Was die neuere und direktere Evidenz zeigt
Wolf und Kollegen haben 2023 im International Journal of Strength and Conditioning eine Meta-Analyse vorgelegt, die mehrere Zielgrößen zugleich abdeckte – Kraft, Sprintleistung, Körperzusammensetzung und Hypertrophie. Insgesamt fiel der Unterschied zwischen partiellem und vollem Bewegungsradius trivial bis klein aus, mit einem leichten, meist nicht bedeutsamen Vorteil für die volle Bewegung. Für Hypertrophie speziell bei langer Muskellänge zeigte sich sogar ein Trend zugunsten der gedehnten Partial Reps – der aber ebenfalls nicht statistisch signifikant war.
Noch direkter ist eine 2025 veröffentlichte, vorregistrierte Multi-Center-Studie mit 297 Teilnehmern über 12 Wochen: Sie verglich volle Bewegung mit gedehnten Partial Reps bei Arm- und Oberschenkelübungen und fand praktisch gleichwertige Effekte auf den Muskelquerschnitt – die Autoren konnten die Nullhypothese eines relevanten Unterschieds nicht verwerfen.
Eine dritte, ebenfalls 2025 veröffentlichte Bayes'sche Meta-Analyse hat eine verwandte, aber andere Frage untersucht: nicht den Gesamtzuwachs eines Muskels, sondern ob innerhalb eines Muskels unterschiedlich stark wächst, je nachdem bei welcher Muskellänge trainiert wird. Zwölf Studien flossen ein, die Wadenstudie oben war nicht darunter – sie misst den Gesamtzuwachs, nicht die regionale Verteilung, und passte damit nicht zur Fragestellung. Auch hier fiel der Unterschied zwischen längerer und kürzerer Trainings-Muskellänge im Schnitt trivial aus.
Zusammengenommen relativiert diese neuere und direktere Evidenz die Wadenstudie: ein einzelner positiver Befund in einem Feld, in dem die größeren, aktuelleren und methodisch stärkeren Arbeiten überwiegend keinen bedeutsamen Unterschied finden.
Warum die Muskellänge den Unterschied macht
Der plausibelste Mechanismus heißt stretch-mediated hypertrophy: Wird ein Muskel unter Spannung gedehnt, entsteht über das Strukturprotein Titin eine passive mechanische Zugspannung, die als Wachstumsreiz wirkt – unabhängig von der aktiven Muskelkontraktion. Im Tiermodell führt das nachweislich zur Bildung zusätzlicher Sarkomere in Reihe. Eine Übersichtsarbeit von Warneke und Kollegen (2023, Sports Medicine) fasst diesen Mechanismus zusammen – und weist ausdrücklich darauf hin, dass die zugrunde liegende Physiologie beim Menschen bislang nicht direkt nachgewiesen ist, sondern aus Tierstudien abgeleitet wird.
Praktisch heißt das: Die Erklärung ist plausibel und passt zu den Trainingsdaten oben, aber sie ist noch keine bewiesene Kausalkette beim Menschen. Das ändert nichts am Trainingsbefund selbst – nur an der Sicherheit, mit der man das „Warum" erklären kann.
Was die Daten nicht hergeben
- Die Kassiano-Übersichtsarbeit wertet Studien bis April 2022 aus – überwiegend an untrainierten bis moderat trainierten Personen und überwiegend an Isolationsübungen wie Beinstrecker oder Bizepscurl. Für komplexe Grundübungen mit wechselnder Last über den Bewegungsradius (Kniebeuge, Kreuzheben) ist die Datenlage deutlich dünner.
- Die Wadenstudie untersuchte ausschließlich Frauen, acht Wochen, eine einzige Maschinenübung. Ob sich das auf Männer, andere Muskelgruppen oder freie Übungen überträgt, ist nicht getestet.
- Die Wolf-Studie hatte 25 Teilnehmer und lief ebenfalls acht Wochen. Das reicht, um einen Unterschied auszuschließen, aber nicht, um Langzeiteffekte über sechs Monate oder ein Jahr zu beurteilen.
- Der Befund „gedehnte Partial-ROM schlägt volle ROM" stützt sich auf wenige, kleine Effektstärken aus einer einzigen Übersichtsarbeit. Deutlich robuster und über mehrere Studien repliziert ist der andere Teil der Aussage: dass verkürzte Partial-ROM klar schlechter abschneidet.
Was ich mit Klienten tatsächlich mache
Bei Grundübungen ändere ich nichts. Kniebeuge, Kreuzheben, Bankdrücken werden mit sauberer, voller Range of Motion trainiert – technisch am eindeutigsten zu kontrollieren, und die Datenlage gibt keinen Grund, davon abzuweichen.
- Bei Isolationsübungen baue ich gedehnte Partial Reps gezielt ein. Am Ende eines Satzes Beinstrecker, Bizepscurl oder Wadenheben folgen oft zwei bis drei zusätzliche Wiederholungen im unteren, gedehnten Bereich statt einfach aufzuhören – zusätzliches Volumen bei minimalem Mehraufwand.
- Verkürzte Partial Reps streiche ich konsequent. „Halbe" Curls im oberen Bereich, um mehr Gewicht bewegen zu können, oder Kniebeugen, die nur die obere Hälfte nutzen – das ist der einzige Bereich, den die Daten klar als unterlegen zeigen, nicht nur als gleichwertig.
- Bei Gelenkbeschwerden ist die gedehnte Partial-ROM ein Werkzeug, kein Kompromiss. Wer wegen Knie- oder Schulterproblemen die komplette Bewegung nicht schmerzfrei ausführen kann, verliert laut Wolf-Studie beim Training im gedehnten Bereich vermutlich wenig bis nichts gegenüber der vollen Bewegung.
- Für Fortgeschrittene ist es eine Zusatzoption, kein Muss. Wer bereits genug Volumen und Fortschritt hat, muss nicht umstellen. Die Wolf-Daten zeigen Gleichwertigkeit, keinen Vorteil, der ein bestehendes, funktionierendes Programm rechtfertigen würde umzuwerfen.
Die praktische Kurzfassung
- Wiederholungen im verkürzten Bereich bauen nachweislich weniger auf als volle oder gedehnte Wiederholungen – das ist der am besten belegte Teil des Befunds
- An der Wade zeigte sich ein signifikanter Vorteil gedehnter Partial-ROM gegenüber sowohl voller als auch verkürzter ROM (+15,2 % vs. +6,7 % vs. +3,4 % medial)
- Bei trainierten Athleten mit vollem Oberkörperprogramm: kein signifikanter Unterschied zwischen gedehnten Partial Reps und voller ROM, weder bei Muskeldicke noch bei Kraft-Ausdauer
- Die umfassendere und aktuellere Evidenz (eine Meta-Analyse über alle Zielgrößen, eine 297-Personen-Studie und eine zweite Meta-Analyse zur regionalen Verteilung) findet überwiegend nur triviale Unterschiede – der Wadenbefund ist die Ausnahme, nicht die Regel
- Der Mechanismus (stretch-mediated hypertrophy über Titin und Sarkomerbildung) ist plausibel, aber beim Menschen noch nicht direkt nachgewiesen
- Bei Grundübungen bleibt volle Range of Motion die Vorgabe – Partial Reps im gedehnten Bereich sind eine Zusatzoption bei Isolationsübungen, kein Ersatz
Quellen
- Kassiano W, Costa B, Nunes JP, Ribeiro AS, Schoenfeld BJ, Cyrino ES (2023). Which ROMs Lead to Rome? A Systematic Review of the Effects of Range of Motion on Muscle Hypertrophy. Journal of Strength and Conditioning Research. PubMed
- Kassiano W, Costa B, Kunevaliki G, Soares D, Zacarias G, Manske I, et al. (2023). Greater Gastrocnemius Muscle Hypertrophy After Partial Range of Motion Training Performed at Long Muscle Lengths. Journal of Strength and Conditioning Research. PubMed
- Wolf M, Androulakis Korakakis P, Piñero A, Mohan AE, Hermann T, Augustin F, et al. (2025). Lengthened Partial Repetitions Elicit Similar Muscular Adaptations as Full Range of Motion Repetitions During Resistance Training in Trained Individuals. PeerJ. PubMed
- Warneke K, Lohmann LH, Lima CD, Hollander K, Konrad A, Zech A (2023). Physiology of Stretch-Mediated Hypertrophy and Strength Increases: A Narrative Review. Sports Medicine. PubMed
- Varovic D, Wolf M, Schoenfeld BJ, Steele J, Grgic J, Mikulic P (2025). Does Muscle Length Influence Regional Hypertrophy? A Systematic Review and Meta-Analysis. International Journal of Sports Medicine. PubMed
- Wolf M, Androulakis-Korakakis P, Fisher J, Schoenfeld BJ, Steele J (2023). Partial Vs Full Range of Motion Resistance Training: A Systematic Review and Meta-Analysis. International Journal of Strength and Conditioning, 3(1). Journal
- Gschneidner D, Carlson L, Steele J, Fisher JP (2025). The Effects of Lengthened-Partial Range of Motion Resistance Training of the Limbs on Arm and Thigh Muscle Area: A Multi-Site Randomised Trial. Journal of Sports Sciences. PubMed
Wenn du ohnehin gerade deine Reizsetzung überdenkst, hängt die Frage nach der Range of Motion eng mit zwei anderen zusammen: Wie viele Wiederholungen für Muskelaufbau? und Wie viele Sätze pro Muskelgruppe pro Woche?
Du trainierst hart, aber die Details deines Programms sind nie durchdacht worden?
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